Mein persönlicher Wandel – Aussteig und Neuanfang

Es ist kaum zu fassen, wie schnell die Zeit vergangen ist. Vor genau einem Jahr habe ich einen für mich einschneidenden Schritt getan: Ich habe meine Geschäftsführer-Rolle bei meinem mittelständischen Unternehmens abgelegt, welches ich 20 Jahre davor mitbegründet hatte.

Dieser Schritt wäre mir vor einigen Jahren noch unvorstellbar gewesen. Ich, kein Geschäftsführer mehr? Welcher vernünftige Mensch gibt in der heutigen Zeit eine solche unkündbare Position auf, die Sicherheit, Ansehen und Wirksamkeit mit sich bringt? Wieso einen Schritt in das Unbekannte tun, wenn das Bekannte doch so angenehm ist?

Darüber will ich in diesem und in weiteren Beiträgen schreiben, um Menschen zu unterstützen, die ebenfalls vor einer großen Veränderung stehen. Wer weiss, vielleicht kannst Du von meiner Erfahrung profitieren.

Wie ein Buch mein Leben veränderte

Der Impuls, der schließlich zu meiner Neuausrichtung führte, begann im Jahr 2012 und hat mit einem Buch zu tun: Wie Siddharta zum Buddha wurde, von dem Zen-Meister Thich Nath Hanh. Schon seit meiner Jugend wollte ich mich mit dem Buddhismus beschäftigen – aber erst im Alter von 40 Jahren nahm ich mir dafür Zeit. Denn irgendwie spürte ich eine mir damals unbegreifliche innere Leere, trotz meines beruflichen Erfolgs, meiner Ehe und zwei wundervollen Kindern.

Beim Lesen dieses Buches habe sofort gespürt, dass sich hier etwas für mich ganz Wichtiges aufgetan hatte. Der Stein der Veränderung begann zu rollen – und er ist bis heute nicht stehen geblieben.

Ich habe damals einem Freund gesagt, dass ich mich nun auf eine der spannendsten Reisen begebe, die es für uns Menschen gibt: die Reise zu mir selbst.

Daraus folgte eine intensive, bis heute nicht endend wollende Beschäftigung mit Gewaltfreier Kommunikation, Persönlichkeits-Entwicklung und Spiritualität. Eine erste sichtbare Konsequenz war meine Ernährungsumstellung auf „pflanzlich vollwertig“ (aka „Vegan“).

Ich begebe mich auf eine der spannendsten Reisen, die es für uns Menschen gibt: die Reise zu mir selbst.

Durch meine persönliche Veränderung wurden die Risse in meiner damaligen Ehe immer tiefer. Bis es 2014 zur Trennung kam. In den darauf folgenden Monaten war ich entwurzelt und innerlich tief verunsichert. Halt-suchend nahm ich an einem Retreat in der Nähe von Köln teil, welches von einem bekannten Zen-Meister geleitet wurde: Thich Nath Hanh.

Durch die persönliche Veränderung änderte sich auch mein Rollenverständnis als Unternehmer und Geschäftsführer: Führung auf Augenhöhe, herzliche Menschlichkeit, Freude und Mitgestaltung sowie Verantwortung für den ganzen Planeten wurden unverrückbarer Kern meines Selbstverständnisses.

Abschiedsrede im Freiburger Theater

Das bliebt nicht ohne Konflikte in einer Wirtschaftswelt, die auf Wettbewerb, Gewinnstreben und Leistung ausgerichtet ist. Etliche anstrengende Monate lang war ich hin- und her gerissen. Bis der Sog der Stimme meines Herzens so stark wurde, dass ich fast nicht mehr anders konnte: Anfang 2019 legt ich nach zwanzig Jahren meine Position als Geschäftsführer nieder.

Der Übergang

Ich hatte mir fest vorgenommen, die ersten 12 Monate nach meinem Ausstieg nicht zu arbeiten. Es sei denn, an mir selbst. Dieser Vorsatz erwies sich dann in der Umsetzung schwieriger als gedacht!

Die ersten Monate in meiner neuen Welt war ich so sehr in einer inneren Unruhe gefangen, dass ich mir nicht erlauben wollte, die Hände in den Schoß zu legen. Ich wollte sofort als Coach wirken, als GFK-Trainer, als Organisations-Entwickler, als… – die Ideen sprudelten verzweifelt.

Hastig arbeitete ich an meinem Beziehungsnetzwerk, hatte viel zu viele Termine, suchte nach Seminaren – und bekam das alles mit meinen Vorsätzen und meiner Familie nicht im Einklang. Ich war bis tief in der Nacht im Internet, ohne recht zu wissen, wohin ich meinen Fokus lenken sollte. Zwar konnte ich mich in dieser Unruhe und Hektik beobachten und merkte, dass ich weit von meinem idealen Selbst entfernt war – jedoch stoppen konnte ich mich nicht.

Diese aufgeregte Betriebsamkeit hatte ich aus der alten Wirtschaftswelt mit genommen. Dort war es mir nicht weiter aufgefallen. Schließlich galt das dort als normal. Es ist echt wahnsinnig, wie schnell wir in den Unternehmen ticken – und wie schwer es mir fiel, ein paar Stufen zurück zu schalten.

Ich stürzte immer wieder in tiefe Abgründe, wenn ich merkte, dass ich eigentlich nicht wusste, was ich wirklich wollte. Dann holten mich Gedanke ein, dass ich eigentlich von niemandem mehr gebraucht wurde und nichts zum Wohlergehen unsere Gesellschaft beitragen könnte. Diese Phasen wechselten sich ab mit solchen, in denen mich „die ultimative neue Idee“ in Aktivitäten stürzen ließen.

Diese Ungewissheit auszuhalten erforderte viel Kraft. Der Fachbegriff dafür ist die Ambiguitätstoleranz. Mit der Zeit wurde ich immer geübter darin. Mein Vertrauen in die Kräfte des Lebens stiegen. Das Aushalten hatte durchaus seine guten Seiten: Denn umso länger ich diese Unsicherheit aushielt, desto mehr konnte ich mich von alten Denkmustern lösen. Und desto besser wurde das, was neu in die Welt wollte.

Und heute?

Jetzt, nach 12 Monaten, kann ich entspannter zurück schauen. Die hektische Phase ist vorbei. Es ist mehr innere und äußere Ruhe eingekehrt. Ich habe einiges an persönlicher Entwicklung erfahren dürfen. Denn obwohl das Jahr sehr dicht war, habe ich inspirierende Seminare besucht, mich mit Spiritualität beschäftigt, und bin bereichert worden durch meine Familie und die vielen wunderbaren Menschen, die ich kennenlernen durfte. Daraus ist viel entstanden – und es hört nicht auf. Mein Leben heute ist wie eine Blume, die langsam ihre Blüte entfaltet.

Heute fokussiere ich meine Interessen und Aktivitäten auf die Entwicklung von Menschen. Wenn ich Menschen Impulse für ihre persönliche Entwicklung geben darf oder selbst Impulse für meine eigene Entwicklung bekomme, dann bin ich wie elektrisiert, dann fließt Energie!

Damit einhergehend entwickeln sich die Organisationen und Systeme mit, in welche diese Menschen eingebunden sind. Der Wandel von Systemen und der Gesellschaft fängt bei dem inneren Wandel der Menschen an.

Dieser Fokus bringt mir eine tiefe Zufriedenheit, das Gefühl von Sinn und Wirksamkeit. Gleichzeitig komme ich dadurch mit vielen inspirierenden Menschen in Kontakt, von denen ich lernen kann.

Der Wandel von Systemen und der Gesellschaft fängt bei dem inneren Wandel der Menschen an.

Für mich ist es eine Freude zu sehen, dass ich immer mehr in meinem Fokusthema wirken darf. Angefangen hat es mit der Chance, auf dem Kongress „Wirtschaft und Spiritualität“ einen Workshop zu leiten. Daraus ist viel wunderbares entstanden, wie das Netzwerk „Pioneers of Business“.

Seit diesem Jahr darf ich „Personal Coach & Trainer“ für ein Unternehmerpaar sein. Ich bin Seminarleiter für Eltern, Trainer für Gewaltfreie Kommunikation und Gastgeber für das Netzwerk „Pioneers of Change Freiburg“.

Besonders freue ich mich über das Netzwerk für Familien-Coaching, welches ich seit Oktober 2019 orchestriere. Ich empfinde die authentische und herzliche Art der Familienberater*innen als sehr wohltuend.

Und das schönste dabei ist für mich, dass ich gleichzeitig so viel Zeit mit meiner Familie verbringen darf. Inzwischen bin ich in zweiter Ehe glücklich verheiratet und darf ein weiteres Kind ins Leben mit begleiten. Das ist eine unbezahlbare und einmalige Erfahrung.

Auch wenn dieses erste Jahr echt anstrengend war. Ich bereue meinen Schritt vor 12 Monaten nicht. Und ich bin neugierig, was da noch alles entstehen wird.

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